Direkt zu:
Diese Webseite verwendet Cookies, um dem Betreiber das Sammeln und Analysieren statistischer Daten in anonymisierter Form zu ermöglichen. Wenn Sie damit nicht einverstanden sind, klicken Sie hier bitte auf »Nein«. Weitere Informationen
Zum Aktivieren des Google-Übersetzers bitte klicken. Wir möchten darauf hinweisen, dass nach der Aktivierung Daten an Google übermittelt werden.
Mehr Informationen zum Datenschutz
05.10.2026

Ansbacherinnen und Ansbacher gedenken dem Tag der Deutschen Einheit

Bei der städtischen Gedenkfeier sprach Oberbürgermeister Thomas Deffner vor rund 100 Bürgerinnen und Bürgern.

Rede des Oberbürgermeisters zum Tag der Deutschen Einheit:

„Die Sowjetunion hat ihrem Kettenhund Ulbricht ein Stück Leine gelassen."

„5 Uhr 15, Potsdamer Platz, dieser Platz, der bisher ebenfalls als Übergang zwischen West- und Ostberlin benutzt werden konnte, fehlt in der Liste der offenbleibenden Passierstellen und das Bild, das uns hier bietet, tja, die Volksarmee ist damit beschäftigt, den Platz hermetisch abzuriegeln. Als wir durch die Bellevuestraße den Potsdamer Platz ansteuerten, sahen wir zunächst einmal Westberliner Polizisten kurz vor dem Potsdamer Platz im Abstand von 50 Metern aufgestellt. Dann auf der Spitze des Potsdamer Platzes die Engländer, die englische Militärpolizei, Polizisten mit Ferngläsern in der Hand, die die Arbeiten der Volksarmee dort drüben beobachten. Gerade ist ein LKW aufgefahren, in der Ebertstraße, und vom LKW werden jetzt Betonpfähle abgeladen und in wenigen Augenblicken wird man diese Pfähle an der Grenze entlang in schon vorbereitete Löcher einsetzen und dann beginnt man mit dem Ziehen von Stacheldraht. In der Ebertstraße selbst ist das Pflaster aufgerissen worden, die Steine hat man aufgeschichtet und ein Passieren ist sowieso unmöglich gemacht worden, durch rotweiße Barrieren, die noch davor aufgestellt worden sind.“

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Ansbacherinnen und Ansbacher,
es ist in den letzten Jahrzehnten zur Tradition geworden, dass wir uns hier am Stück der Berliner Mauer zum Tag der Deutschen Einheit treffen. Herzlichen Dank, dass Sie auch dieses Jahr wieder so zahlreich zu unserer Gedenkstunde gekommen sind und das große Geschenk der Einheit Deutschlands mit Ihrer Anwesenheit würdigen.
Meine Eingangszitate stammen von Willy Brandt als Regierendem Bürgermeister von Berlin am 16. August 1961 bei einer Protestkundgebung vor dem Schöneberger Rathaus und folgend die Worte vom RIAS-Reporter Rainer Höynck vom Potsdamer Platz am 13. August 1961 eine der ersten Reportagen vom Mauerbau in Berlin, die ausgestrahlt wurde.
In diesem Sommer jährte sich der Berliner Mauerbau zum 65. Mal. Die Mauer zwischen West und Ost trennte Deutsche von Deutschen für 28 Jahre.

„Am 13. August entschied der Wohnort, das Stadtviertel oder gar die Straßenseite über Freiheit und Unfreiheit. Die Mauer teilte nicht nur die Bernauer Straße, nicht nur Berlin. Sie teilte Deutschland, Europa. Und sie teilte die Welt. Der Tag zerriss Verbindungen, die zwischen den beiden Welten standen. Eltern sahen ihre Kinder nicht wieder. Liebespaare verloren einander. Menschen wollten in die Freiheit und sprangen in den Tod.“ So die Bundestagspräsidentin Julia Klöckner bei der diesjährigen Gedenkveranstaltung!

Mittlerweile ist die Mauer bereits seit fast 37 Jahren gefallen. Vor 36 Jahren fei-erten wir die Deutsche Einheit zum ersten Mal. Meine Damen und Herren, jetzt könnte man sagen, okay, das ist Jahrzehnte her, warum müssen wir uns damit beschäftigen?
Die Mauer ist schnell verschwunden, mit Baggern eingerissen und in die ganze Welt verteilt, so wie unser Stück Berliner Mauer hier. Aber die Mauer ist noch da, nicht nur die East Side Gallery, sondern in den Köpfen von Ostdeutschen und Westdeutschen. Um die Mauer in den Köpfen überwinden zu können, müssen wir uns das gemeinsame Ziel der Deutschen Einheit in Erinnerung holen. Ein vereintes Land, deren Bürgerinnen und Bürger in Freiheit und Frieden und in einer Demokratie leben.

Verbunden war die erste Einheitsfeier mit weiteren Hoffnungen und Träumen auf beiden Seiten. Erfüllt haben sich diese sicherlich nicht alle. Ja, das Zusammenwachsen zu einer Gesellschaft dauert länger als bei der Einheit gedacht. Ja, auch 36 Jahre nach der Wiedervereinigung sind die Menschen im Osten weniger wohlhabend als im Westen, das private Vermögen ist im Osten geringer und gleiches gilt für die Erbschaften. Auch die wirtschaftliche Macht liegt im Westen, es gibt keinen Dax-Konzern, der seine Zentrale in den „neuen Bundesländern“ hat.

Aber, das ist vor allem das Ergebnis von 40 Jahren Sozialismus und Mauerbau, was gesellschaftlich und wirtschaftlich ein ruiniertes Land hinterlassen hat. Die Aufbauleistung der Menschen in der ehem. DDR und der gesamten Bundesre-publik in den neuen Bundesländern in den folgenden Jahren sucht ihresgleichen und wird im Vergleich mit dem Lebensstandard und dem Städtebau in anderen Ländern des ehem. Ostblocks greifbar.

Es gibt aber ohne Frage auch berechtigte Kritik an der Umsetzung der Wieder-vereinigung, die wir auch ernst nehmen müssen. Die Menschen der ehemaligen DDR haben sich 1989 Gehör verschafft und ihnen muss auch heute zugehört werden. Die Wahlen in den vergangenen Wochen machen das deutlich. Und so müssen wir immer wieder neu erklären, dass unser Wohlstand in Ost und West hoch ist. Aktuell beträgt die Differenz des Einkommens weniger als zehn Prozent, vergleichbar mit einer wirtschaftsschwächeren Westregion wie dem Saarland. 1991, nach der Wende, lag das Einkommen, über das ostdeutsche Haushalte verfügten, bei 57 Prozent des gesamtdeutschen Niveaus. Zudem haben sich die nach der Wende rapide gesunken Geburtenziffern in Ostdeutschland erholt und auch die Lebenserwartung ist deutlich gestiegen – beides sind nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung Hinweise auf ein gestiegenes gesellschaftliches Wohlbefinden.

Und das Wichtigste: Wir leben in einem Land mit einer demokratischen Grundordnung, mit freien Wahlen, Meinungsfreiheit und vor allem leben wir im Frieden, dessen Erhalt uns angesichts des Krieges von Russland gegen die Ukraine noch viel abverlangen wird. Die zentralen Ziele der friedlichen Revolution aus dem Jahr 1989, Bürgerrechte und freie Wahlen, sind erreicht worden. Tausende Menschen sind dafür auf die Straßen gegangen und haben ihre eigene Freiheit riskiert, sie mussten mit Verfolgung und Inhaftierung rechnen. Doch heute sind diese Ziele in ganz Deutschland bedroht. Bedroht von außen und von innen. Bedroht von linkem und rechtem Extremismus. Dieser Extremismus und Populismus versucht unsere Gesellschaft zu spalten, in Deutschland und in Europa.

An einem Tag wie heute sollten wir auch an Europa denken. Und da ist Frankreich unser wichtigster Partner, der im kommenden Jahr eine entscheidende Wahl haben wird, hoffen wir, dass proeuropäisch gewählt wird und wir weiterhin einen starken Partner haben. Das kann essentiell werden. Denn nur gemeinsam können wir Europa stärken. Nur gemeinsam können wir Deutschland stärken. Nur gemeinsam können wir unsere Stadt stärken. „Wir sind ein Volk“ – auch das wussten die ehemaligen Bürgerinnen und Bürger bereits vor mehr als drei Jahrzehnten! Meine Damen und Herren, lassen Sie uns auf diese mutigen Menschen hören, die für ihre Rechte auf Demokratie und Freiheit auf die Straße gegangen sind!

Ich darf nochmal unsere Bundestagspräsidentin zitieren: „Freiheit können wir nicht verwalten. Wir müssen sie mit Leben und mit Vertrauen füllen. Im Zweifel müssen wir sie verteidigen – gegen Gleichgültigkeit, Desinteresse, Relativierungen – aber auch gegen Freiheitsfeinde. Im Innern, wie nach außen. Die Entscheidung für die Freiheit muss jede Generation – gerade im Angesicht unserer Geschichte – neu treffen. Denn für die Freiheit entscheidet man sich, für die Unfreiheit nicht. Lassen wir nicht andere über unsere Freiheit entscheiden.“

Und lassen wir den Kräften der politischen Ränder von links und rechts kein Stück Leine, die, so hat es unser Bundespräsident diese Woche gesagt, unsere Demokratie und den Rechtsstaat als das „System“ diskreditieren und in Frage stellen.

Herzlichen Dank für Ihre Teilnahme an unserer Gedenkveranstaltung!